Kunst im theologischen Gewand – Die Auswirkungen der Kunst im erzkatholischen Mittelalter

Kunst im theologischen Gewand – Die Auswirkungen der Kunst im erzkatholischen Mittelalter

Die katholische Kirche ist erst sehr langsam aus dem Staatswesen verschwunden, stellte aber in den letzten Jahrhunderten noch weitaus mehr Macht dar, als wir es heute von ihr gewohnt sind. Gerade im finsteren Mittelalter hatte die Kirche ihre Blütezeit – nie war der Einfluss auf die Gesellschaft grösser, die Fäden zwischen Politik und dem Klerus enger gestrickt. Die meisten Menschen nahmen die Aussagen der Priester als absolute Wahrheit an, wer anders dachte hielt sich aus Angst im Schweigen. Aber wie kontrollierte die katholische Kirche das Volk so eindrucksvoll, wie schaffte sie es so glaubwürdig zu wirken? Kunst war ein wichtiges Hilfsmittel für die Geistlichen, die Verbindung zwischen der Kirche und Gott bildlich auszudrücken und Menschen zu manipulieren.

Unterwürfigkeit durch Prunk

Eines der wichtigsten Elemente der Kunst und insbesondere der Baukunst war die überschwänglich protzige Bau- und Dekorationsweise der meisten Kirchen und Glaubenseinrichtungen im Mittelalter. Über neunzig Prozent der damaligen Bevölkerung lebte in heute unvorstellbarer Armut, Fleisch war ebenso selten wie ein Bad geschweige denn saubere Kleidung. Umso umwerfender müssen die Unmengen an Blattgold, teuren Ölgemälden und gigantischen Fresken auf die einfache Bevölkerung gewirkt haben, die zumeist selbst in Holzhütten oder winzigen Zimmern hauste. Superlative wurde als Verbindung zu Gott und der nicht-irdischen Welt gesehen, was von der Kirche perfekt instrumentalisiert wurde.

Je edler die Kleidung desto stärker die Verbundenheit zu Gott

Kleidung wurde bereits bei den alten Ägyptern als Darstellung zur Gottesgleichheit verwendet. Aber auch im Mittelalter funktionierte die Instrumentalisierung der Gewänder zur Darstellung als Gesandter Gottes noch exzellent. So wurde den Leuten geraten, nur mit ihren besten Kleidern sonntags in die Kirche zu gehen – je schöner die Gewänder desto mehr gefällt man offensichtlich Gott. Klar war dann auch, dass die feudal gekleideten Oberpriester, Bischöfe und der Papst als Spitze des katholischen Mitteleuropa akzeptiert wurden.

Alles für das Wohlwollen Gottes

Kunst wurde im Mittelalter eigentlich nur akzeptiert und gefördert, wenn es dazu diente, die Grösse Gottes und der Schöpfung darzustellen. So mussten Künstler, um nicht als Ketzer dazustehen, im Dienst der Kirche arbeiten oder zumindest theologische Themen, zum Beispiel Bibelstellen, verarbeiten und in ihrer Kunst ausdrücken. So wurde Kunst als edle Tugend gezielt als glaubensverstärkendes Mittel eingesetzt. Denn jeder bekannte Künstler der damaligen Zeit – egal ob Michelangelo, Giotto die Bondone, und andere Maler und Bildhauer – sie alle verschönerten Klöster, Kirchendecken und Prunkbauten der Geistlichen.
Abgesehen davon waren Bildung und hohe Kunst von vornherein für die geistige Oberschicht, Klöster und den Adel vorgesehen. Denn im Mittelalter konnte durchschnittlich jeder Fünfzigste Lesen und Schreiben, hauptsächlich Mönche, Nonnen und höhere Kleriker. Denn Klöster waren die einzigen Orte, wo geschriebenes Wort erlernt und praktiziert werden konnte, genauso aber wurden alle als edel angesehenen Kunstformen vermittelt – Bildhauerei, Freskenmalerei, Zeichnen oder auch Musizieren und Singen. So schaffte es die Kirche, Kunst über Jahrhunderte als Privileg für Gottes besonders geliebte Menschen darzustellen, wodurch die Vorherrschaft des katholischen Klerus erneut gerechtfertigt wurde.

Kunst für die Machterhaltung und -verschiebung im Laufe der Zeit

Kunst dient seit Anbeginn der Menschheit als Mittel zur Machterhaltung und -ausbau. Das verstand auch die Kirche auf verschiedenste Arten zu instrumentalisieren – egal ob durch prunkvolle, gigantische Kirchen und Basiliken, das Verwenden von Bildern zur Stärkung des Glaubens oder auch das Tragen besonders hervorstechender Kleidung als Zeichen der überlegenen Verbundenheit mit Gott. Gleichzeitig konnte Kunst zwar die Macht der Kirche festigen – brachte diese aber dann auch durch die Aufklärung im Spätmittelalter zum Einsturz. So erfüllt die Kunst als Spiegel der Gesellschaft ihren Auftrag, stetig für Veränderung und Neuanfänge zu sorgen.

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