Philosophischer Exkurs: Erlauben Denkvermögen und Sprache Selbsterkenntnis?

Philosophischer Exkurs: Erlauben Denkvermögen und Sprache Selbsterkenntnis?

Den Menschen zur Selbsterkenntnis anzuhalten, darauf zu drängen, dass das Erkenntnisstreben sich immer wieder jenes Anfangs vergewissere, den es bei sich selbst zu machen hat, gehört zu den unaufgebbaren Grundmotiven aller Philosophie.

Denkvermögen

Strittig kann allein die Frage sein, wie weit diese „Selbstbefragung“ zu gehen hat, wie weit sie sich „radikalisieren“ lässt. Kann etwa das Denken selbst, die Vernunft, die ja auch kein zeitlos gegebenes Vermögen ist, von dieser Selbstkritik ausgenommen bleiben?

Wenn dies versucht wird, entstehen häufig neue Täuschungen – dies meinen unter anderem Kant, Hegel, Schopenhauer, Nietzsche und vor allem Freud, der einen daran erinnert, dass der Mensch kein geschlechtsloses Wesen ist, sondern als Mann oder Frau auftritt.

„Rationalisierung“ nennt Freud jenen Vorgang, in dem uns das Denken über ein mehr oder weniger vages Unbehagen bei zweifelhaftem Handeln dadurch hinweghilft, dass es unsere Motive in unseren Augen in besserem Licht erscheinen lässt.

Karl Marx, dem die Geschichte der Menschen nicht mehr auf einer gegenseitigen Explikation von Ideen beruhte, hat eine eigene „Ideologie“-Kritik entwickelt, die versucht, die „Ideologien“ – die „Rationalisierungen“ im Maßstab des Gesellschaftlichen – auf die fundamentalen Lebenswirklichkeiten hin durchsichtig zu machen.

Laut Marx „pflegen Ideen, die keine Interessen und Leidenschaften hinter sich haben, sich in der Weltgeschichte unweigerlich zu blamieren.“

Max Horkheimer und Theodor Adorno, die Hauptvertreter der Frankfurter Schule, kritisierten einen Sachverstand, der für jeden zu haben ist, der ihn sich leisten kann, und der die Frage gar nicht mehr aufkommen lassen möchte, wie nützlich eigentlich ist, was sich heute alles als „nützlich“ ausgibt, oder wem der „Nutzen“ eigentlich noch „frommt“, den unsere technische Zivilisation so geräuschvoll betreibt.

Sprache

Die Frage, wie weit Selbsterkenntnis des Menschen und seines Denkvermögens zu gehen hätte, tritt so abschließend noch unter den Aspekt der Sprache.

Was und wieviel können Verstand und Vernunft, frei von aller Erfahrung, erkennen? Dies hatte Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ gefragt. Für Hamann ist gerade die Sprache „der Mittelpunkt des Missverstandes der Vernunft mit ihr selbst“. Das heißt, philosophisches Erkennen bewegt sich immer schon im Medium der Sprache.

Wittgestein forderte, von der Sprache des Alltages her philosophische Luftgebäude zu zerstören, um den Grund der Sprache freizulegen, auf dem sie standen, denn er erkannte, dass selbst wenn sich alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantworten ließen, unsere eigentlichen Lebensprobleme noch gar nicht berührt seien.

Der marxistische Philosoph Adam Schaff hielt das Problem der Sprache sogar für „eines der zentralen, wenn nicht geradezu das Zentralproblem der nichtmarxistischen Philosophie des 20. Jahrhunderts“.

Gerade der Mensch der Gegenwart, dem eingeredet werde, er sei dabei, zum Herrn und Schöpfer seiner Welt zu avancieren, finde sich, ohnmächtig, in ein immer komplexeres System von Abhängigkeiten verstrickt.

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